Eine Schande der Familie

«Eine Schande der Familie»
Zofinger Tagbaltt, von Karin Schmid, 6.10.2017

Aarburg Erstes Heimspiel von Yang Jing und ihrem First European Chinese Ensemble am 7. Oktober im «Bären».

Seit sieben Jahren lebt die aus China stammende Schweizerin Yang Jing in Aarburg. Morgen Samstag geben die Komponistin und Musikerin sowie ihr First European Chinese Ensemble ihr erstes Konzert in Yangs Wohnort. Das Programm im Bärensaal steht unter dem Motto «Unter einem hellen Sternenhimmel». Es besteht aus Gedichten und Liedern aus China und Europa und enthält Werke von Yang Jing und dem Fribourger Komponisten Laurent Mettraux. «Wir spielen speziell ausgesuchte Stücke, die verschiedene kulturelle Wurzeln und Mentalitäten aus Ost und West miteinander vereinen», sagt Yang.
Das First European Chinese Ensemble wurde 2008 als Bildungsprojekt an der Zürcher Hochschule der Künste gegründet. «2006 hielt ich dort eine Vorlesung über chinesische Musik und zeigte ihnen die Pipa», erzählt Yang Jing. Daraufhin wünschten sich die Studenten einen Workshop. «2008 hatten wir ein Konzept. Sofort bekamen wir Einladungen zum Spielen, die wir gerne annahmen.» Allerdings verlief das Projekt aus finanziellen Gründen vorerst im Sand. Yang Jing verliess daraufhin die Zürcher Hochschule. 2009 wagte sie in Luzern einen neuen Versuch. «Ich fragte professionelle Musikerinnen und Musiker an. Dann spielten wir ein paar Konzerte.»
Den Fribourger Komponisten Laurent Mettraux traf Yang Jing «vor über zehn Jahren in China» über eine dort gastierende Musikgruppe aus Zürich. «Sie wollten unbedingt mit mir spielen. Allerdings war kein Repertoire vorhanden. In der Gruppe sprach man von einem jungen, talentierten Komponisten: Laurent Mettraux.» In den Konzerten in diesen Tagen sind zum ersten Mal Kompositionen von Laurent Mettraux und Yang Jing zu hören.
Viel gelernt in der Unterschicht

Yang Jing wuchs in der kulturell traditionellen Provinz Henan – «südlich des (gelben) Flusses» – in der östlichen Mitte von China auf. Im Alter von sechs Jahren entdeckte sie die Pipa, eine zupfbare Schalenhalslaute. «Ein Nachbar spielte verschiedene Instrumente, darunter eine Pipa.» Nach der Schule hörte sie, vor der Türe stehend, seinem Spiel zu. «Ich bewunderte seine Instrumente, durfte sie aber nur anschauen. Später kaufte mir meine Mutter eine Pipa.» Yang Jing brachte sich das Spielen selber bei, weil es zu jener Zeit in ihrer Region keine Schule gab, in der Pipa-Unterricht angeboten wurde.

1976, im Alter von 12 Jahren, besuchte sie die Henan Opera Music School. Im selben Jahr starb Mao Tse-tung. «Plötzlich änderte sich die traditionelle Oper komplett», erinnert sich Yang Jing. Ab da ging sie auf Reisen, um als Teil einer Gruppe auf dem Land zu spielen. «Wir schliefen bei Bauern im Gras, hatten kein Geld. Wir traten auf altertümliche Weise auf, reisten von Bühne zu Bühne, bekamen wenig zu essen. Die darstellenden Künste gehörten in China zur tiefsten Unterschicht. Es gefiel mir nicht, doch danach realisierte ich, wie viel ich lernte.»

Unglück wurde zu grösstem Glück
Die Kulturrevolution sei der Müll der Roten Armee gewesen, und ihr Grossvater, Professor an der Universität in Peking, habe sie deshalb als Schande der Familie bezeichnet. Als Yang Jing zur einzigen Pipa-Studentin in Shanghai wurde, änderte er seine Meinung. «Nach der Kulturrevolution kam ein grosser Sprung. Was die Musikbildung in China angeht, wurde mein Unglück zu meinem grössten Glück.» 1986 schloss sie am Musik-Konservatorium in Shanghai ihre Studien der Komposition traditioneller Musik, Musikforschung sowie Pipa und Guqin – eine Griffbrettzither – ab. Danach arbeitete sie zwölf Jahre lang als einzige PipaSolistin im China Central Traditional Orchestra in Peking.

Bis 1998 begleitete sie als Kulturbotschafterin chinesische Politiker auf ihren Reisen um die Welt. «Das Ganze war aber organisiert; ich tat es nicht mit Hingabe. Als Musikerin will ich wirklich Musik machen und nicht nur als Dekoration dabei sein.» Sie verliess das Nationalorchester, als sie aus Ingolstadt die Einladung erhielt, an einem von Audi organisierten Festival chinesische Musik zu spielen. «Ich gehörte zur ersten Generation, die China verliess, als sich das Land nach der Revolution öffnete», sagt Yang Jing.

Seit 2003 in der Schweiz
Von 2001 bis 2005 war Yang Mitbegründerin und musikalische Leiterin des Silk Road Festivals, das in Japan tourte, 2006 bis 2010 – zusammen mit Mironu Miki – internationale musikalische Leiterin des Hokuto International Music Festivals in Japan. Seit 2003 in der Schweiz lebend, absolvierte sie in Bern ein Masterstudium in Jazz-Komposition und -Arrangement. Yang Jing arbeitet aktiv mit Jazz-Musikern zusammen, darunter der Schlagzeuger Pierre Favre. «Er hat in der Schweiz eine Tür für mich geöffnet und mir die Schweizer Kultur vermittelt.»

Bis zur Jahrtausendwende war Yang Jing in der ganzen Welt herumgereist, hatte sich jedoch nie irgendwo ausserhalb Chinas niedergelassen – bis sie 1999/2000 das Konservatorium Dreilinden in Luzern besuchte. «Die Landschaft schockierte mich. Ihre kraftvolle, poetische, magische Schönheit ängstigte mich. Sie ist komponiert von grosser Hand. Ich wollte zurückkommen, um sie zu sehen.» Obwohl sie in China mit einem Schweizer verheiratet gewesen war, liess sie sich erst 2003 – nach der Trennung – in der Schweiz nieder. «Ich hatte ein eigenes Ensemble. Es war schwierig, einen geeigneten Probenort zu finden», sagt Yang Jing. «In Aarburg stiess ich durch Zufall auf ein Haus mit einem kleinen Studio.»

Für das aktuelle Konzertprojekt wählte sie westliche Instrumente aus: Violoncello (gespielt von Alexander Kionke), Flöte (Maruta Staravoitava) und Marumba (Angela Koeck). Dazu singt die Sopranistin Viviane Hasler. Yang Jing widmet sich voll und ganz ihrer Pipa. «Als traditionelles Instrument ist die Pipa in China populär, weil die Chinesen es als Zeichen des Nationalismus ansehen», sagt die Schweizerin. «Das ist falsch. Ob Hackbrett oder Pipa – das Instrument ist frei und gehört jedem auf dieser Welt, nicht einer bestimmten Nationalität.»

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